Über „ANOMALIE“ (Peter H. Buchenau) · Berlin, 12. September 2026
Wo endet die Maschine, wo beginnt der Mensch – und umgekehrt? Ein erster Hinweis findet sich bereits auf Seite zwei: “[…] weil wir irgendwann aufhören, Dinge zu erleben. […] Wir beginnen nur noch, sie zu benutzen.”
Den Beipackzettel zum Roman liefert der Held früh mit. Ein Glück, so muss sich keiner erst komplett durch die sterilen Satzkonstrukte zwingen.
Der unverhoffte Testleser müht sich, mit der Maschine nachsichtig zu sein, im Wunsch wohl, dem Verfasser gewogen zu bleiben. Das gelingt nicht. Lärmende Aphorismen und das ewige Stakkato des “nicht etwa weil, sondern weil” fluten den Lesegehörgang lange, allzu lange; glaziale Glätte legt sich gleichsam über den Text – und auf des Lesers Geduld. Etwas stemmt sich, innen, dem Satzgehege entgegen: Widerstand als Form gegen die Vereinnahmung durch normierte Ästhetik.
Widerstand leisten auch die Romanfiguren; ihre “Anomalie”: die Weigerung, Verantwortung an ein System abzugeben, das den Menschen auf Kalkulierbarkeit trimmt. Eben diesen Ausbruch aus numerischen Rastern will der Roman erzählen – und gerät prompt selbst unter das Dirigat der Maschine. In diesem Widerspruch liegt sein größtes Problem.
Ab der Buchmitte zerfällt die Syntax vollends in Ein-Wort-Zeilen, bis jedes geistige Relief verflacht. So nimmt der Text in narzisstischer Selbstbespiegelung den Szenen, was sie soeben erzeugt zu haben glaubten: Sogkraft und Ambivalenz, Irritation und Intimität.
Am Ende bleibt das Netzwerk, nun unter einem neuen, nicht genannten Namen; das Individuum läuft mit dem Staffelstab im Kreis – was Hoffnung sein will, ist Vergeblichkeit.
Leise meldet sich das “Wir”, ganz am Schluss, und die als “Absicht” verkaufte Panne weist den Weg zur relevanten Frage im Maschinenraum: Wie viel Verantwortung trägt der Autor?
342 Seiten · ISBN 979-8192534496